Politische Gefangene des Imperiums MIAMI 5       

     

U N S E R - A M E R I K A

Havanna, 2.April 2012

 

Durchleuchtung eines Oligarchen
Wer ist der Kandidat der Yankees und der venezolanischen Rechten für die Präsidentschaftswahlen des kommenden 7. Oktober?

Félix López

VOR einigen Jahren verriet Maripili Hernández, Journalistin und Mitglied des Wahlkampagnenteams, das Hugo Chávez zu seiner ersten Präsidentschaft führte, in einem Interview das Geheimnis der „Vernabelung" zwischen dem bolivarianischen Führer und seinem Volk : „Er kennt Venezuela, weil er es Zentimeter um Zentimeter erwandert hat, er kennt seine Gerüche, weil er es gerochen hat, und er kennt seinen Geschmack, weil er das Essen seiner einfachen Frauen probiert und die selben Leiden der Leute an der eigenen Haut gespürt hat."

Der Kandidat der Yankees
Der Kandidat der Yankees

April 2002: Capriles Radonski springt von der Mauer der kubanischen Botschaft, um in Vertretung der faschistischen Kontra-Horde „ein Gespräch zu führen"
April 2002: Capriles Radonski springt
 von der Mauer der kubanischen
 Botschaft, um in Vertretung der
 faschistischen Kontra-Horde
„ein Gespräch zu führen"

Wir erinnern hier daran, weil diese Tatsache weiterhin der wichtigste Punkt des Kontrastes und des Widerspruchs zum Kadidaten der Opposition darstellt, gegen den er am kommenden 7. Oktober antritt: Chávez ist zweifellos aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sein Volk; während sein Gegner Enrique Capriles Radonski (ECR) den einwandfreien Stammbaum eines in eine goldene Wiege hineingeborenen Oligarchen hat, der dazu erzogen wurde, die Interessen seiner Klasse nicht zu verraten; eines von den Unternehmensgruppen Auserwählten, der jetzt die Masche des „Fahrers des Fortschrittsbusses" benutzt, um seine Zugehörigkeit zu einer radikalen, gewalttätigen und faschistischen Rechten zu vertuschen.

Von jetzt an und bis Oktober werden namhafte Publizisten und von den venezolanischen Unternehmensgruppen engagierte Berater – unterstützt durch die Medienwelt – bemüht sein, ihn als eine Art Robin Hood zu verkaufen, als jungen und energischen Politiker, der die um ihr Ansehen gebrachten politischen Parteien der venezolanischen Oligarchie zu Grabe trägt, einen Zauberer, der das Wunder vollbringt, die Differenzen zu den „Chavisten" und den „Verwahrlosten" auszulöschen, weil „alle gleich sind" und „alle Millionäre sein können" ... Zum Glück gibt es die Geschichte und das Gedächtnis, um die Falschheit und die Mythologie zu zerlegen.

DER STAMMBAUM DES OLIGARCHEN

Wer ist ECR wirklich? Der „bescheidene" Kandidat wurde im Schoße zweier mächtiger Familien geboren: der Familie Capriles (Nachkommen von Holländern), Inhaber eines landesweiten Medien-, Industrie- und Immobilienkonzerns, Besitzer der Cadena Capriles (die unter anderem die Kommunikationsmedien Últimas Noticias, El Mundo, Líder, Urbe, Urbe Bikini, Dominical und Multicolor in sich vereint); und der Familie Radonski (die von einer russisch-polnischen Familie abstammt), die 1937 ihren ersten Kinosaal in Puerto la Cruz eröffneten und heute Eigentümer des Circuito Nacional de Exhibidores (Cinex) ist, der die wichtigsten Kinos des Landes in einem einzigen Unternehmen vereint.

ECR, der Sprössling, begann 1998, sich politisch zu betätigen. Es ist nicht notwendig, zu erklären, wie er dank familiärer Unterstützung, mit großen Investitionen in Banken und Kommunikationsmedien, in ein Bürgermeister- und Gouverneursamt im reichen und gegen Chavez eingestellten Osten von Caracas katapultiert wurde. Sein „heldenhafter" Lebenslauf beinhaltet mehrere Gerichtsprozesse, aber der schwerwiegendste Fall trug sich im April 2002 zu, als er es als Bürgermeister von Baruta unterließ, seine Autorität gegen die faschistische Horde auszuüben, die die in dieser Zone angesiedelte Botschaft Kubas in Venezuela belagerte und gleichzeitig an der ominösen Festnahme des damaligen Ministers des Innern und der Justiz, Ramón Rodríguez Chacín, beteiligt war, unter Verletzung dessen Menschen- und Bürgerrechten. Es waren die Tage des oligarchischen Putsches von Pedro Carmona Estanga (Der Kurz und Knappe), Fedecámaras und der Interventions-Regierungen von Busch und Aznar.

ALS ROTKÄPPCHEN VERKLEIDET ...

Die Kollegin Carmen Lara liegt mehr als richtig, wenn sie ihre Landsleute beschwört, dass „Venezuela der Menschheit bereits den Anteil des Blutes gegeben hat, den es zu geben hatte, und dass es nun seinen Anteil an Intelligenz, Schöpferkraft, Kohärenz, Hingabe und Liebe geben muss, um den bolivarianischen Prozess aufrecht erhalten zu können". Dieser Gedanke appelliert an den Spürsinn der einfachen Leute, sich weder von den Reden von ECR noch von der verwickeltsten politischen Kampagne manipulieren, besäuseln oder betrügen zu lassen.

Wenn dieser Kandidat der venezolanischen Opposition etwas zu viel hat, dann sind es Bildschirme und Leinwände. Von denen aus, und unter Nutzung von Tricks und Photoshop, hat er die Rolle des Wolfes übernommen, der sich als Rotkäppchen verkleidet hat. Erinnern wir uns an jenen Wahlkampf um das Gouverneursamt des Bundesstaates Miranda, als sich ECR „unters Volk mischte" und auf den Wahlplakaten jene schwarzen Frauen und Männer umarmte, die seine Klasse in Wirklichkeit so verachtet. Heute fährt der Wolf mit der Maskerade fort und spricht von Eintracht, Fortschritt, Gleichheit und Liebe. Ohne dabei rot zu werden, nennt er sich einen Fortschrittlichen, den „Lula der Venezolaner", und posiert von links, während er mit hinterrücks gekreuzten Fingern verspricht, die PDVSA nicht zu privatisieren, die sozialen Missionen wirksamer zu gestalten und die Chavisten nicht zu verfolgen.

Die Verkleidung als Rotkäppchen dient ihm auch dazu, die Oligarchie einer Reinigung und einem Imagewechsel zu unterziehen: er will den Sieg von ECR in den Vorausscheidungswahlen der Opposition als eine Niederlage für AD und COPEI darstellen, die beiden Dinosaurier der traditionellen venezolanischen Politik. Man sollte sich sehr hüten, dieser Theorie Glauben zu schenken! ECR ist weit davon entfernt, etwas Neues zu vertreten, er ist die Zusammenfassung, die Schöpfung und die Kontinuität - hinter einem neuen Gesicht - dieser um ihr Ansehen gebrachten Parteien, die schlecht regierten, die das Volk ausraubten und seine Zukunft mit einer Hypothek belasteten. Nur dass die Oligarchie jetzt vorhat, sich andere Symbole zu eigen zu machen und die Revolutionäre zu verwirren.

Bis zum 7. Oktober werden wir uns zweifellos ansehen müssen, wie sehr ECR Bolívar verehrt, wie er dieses oder jenes rotes Hemd trägt, in den Wohngebieten falsche Versprechungen macht, und sogar das eine oder andere Augenzwinkern für die venezolanischen und kubanischen Ärzte ertragen müssen, die täglich in den Bergen, den Wäldern und den Ebenen des Landes Leben retten.

ES RIECHT NACH YANKEE-STRATEGIE

Kurz bevor er seine Strategie in den Vorausscheidungswahlen der Opposition herausbrachte, wurde ECR von Wikileaks als Mitarbeiter der US-Botschaft in Caracas enttarnt. Ebenfalls in jenen Tagen erklärte der Minister für Erdöl, Rafael Ramírez, dass das Land über Erdölvorkommen von 297 Milliarden Barrels verfügt, eine Marke, die Saudi-Arabien auf einen zweiten Platz verwies und die es Chávez ermöglichte, zu versichern, dass „Venezuela Erdöl für 200 Jahre hat". Die Yankees wollen dieses Erdöl und nur ein „Präsident" wie ECR würde es ihnen auf einem Silbertablett servieren.

Diesmal wurde der „Konsens" zwischen den wirtschaftlichen Gruppen der Macht und der Yankee-Diplomatie vor den Vorausscheidungswahlen der Opposition geschlossen. Die Berater von ECR haben ihm offensichtlich grundlegende Instruktionen gegeben: jede Beziehung zu den transnationalen Konzernen zu verbergen und sich von den Putschisten des 11. April fernzuhalten; Gras über seine Mitgliedschaft in der Sekte Tradition, Familie und Eigentum und in der Leitung der faschistischen Partei Primero Justicia (Gerechtigkeit Zuerst) wachsen zu lassen; jegliche Verantwortung für die Gewalttätigkeit der Putschisten zu verneinen und opportunistisch einige Programme (oder Maßnahmen) der bolivarianischen Regierung zu übernehmen, die in der Bevölkerung beliebt sind.

Auf der anderen Seite sind die Berater darum bemüht, ihn von dem Gebiet fern zu halten, das seinen Tod als Kandidaten bedeuten würde: die inhaltliche Diskussion mit dem Präsidenten Chávez. ECR hat etwas wiederholt, das in seinem Wahlprogramm sehr gut definiert wurde: „Ich werde mich nicht in sterilen Kämpfen mit Chávez aufreiben". Die Wahrheit ist, dass er weiß, dass er mit den Geschichtskenntnissen und den soliden bolivarianischen und revolutionären Ideen von Chávez nicht mithalten kann. Um diesen unüberwindlichen Mangel zu überspielen, wird ECR weiterhin einen symbolischen Diskurs pflegen, entfernt von der nationalen Realität, und wie ein Papagei wiederholen, dass er der Fahrer des „Fortschrittsbusses" ist, eine zwergenhafte Parabel im Vergleich zu einem Chávez, der fünfzehn Jahre vor ihm in die Lokomotive der Geschichte gestiegen ist.

Mit der Kampagne kommt für ECR die Stunde der Wahrheit. Wie wird es dieser Exponent der Yuppies (young urban professionals) anstellen, um zu beweisen, dass die Familie der Pedro Pérez, die auf dem Berg von Petare lebt, gleichgestellt ist mit der Familie Zuluaga, die im Country Club wohnt? Wie wird er den Leuten aus den armen Wohnvierteln beweisen, dass er, wenn er Präsident wird, im Land nicht jene „Demokratie" wieder errichten wird, die von der kapitalistischen Unternehmerklasse gelenkt wird, die den Yankees unterwürfig und dem Volk eine Ausbeuterin ist? Wer wird ihm das Märchen glauben, dass er PDVSA nicht privatisieren wird, jenes Unternehmen, welches heute eine unvergleichliche gesellschaftliche Investition zugunsten des Volkes vollzieht?

Ich denke, dass die Berater von ECR in einem großen Dilemma stecken. Deshalb sind sie so verzweifelt und stellen Totenlichter auf und finanzieren jene Journalisten (innerhalb und außerhalb des Landes), die sich darauf spezialisiert haben, über die Gesundheit von Chávez zu schreiben und die Woche für Woche die Nachrichtensendungen und Titelseiten mit Todesnachweisen füllen. Beim jetzigen Stand der Dinge haben sie bereits massenhaft Geld ausgegeben und die Rechnung geht nicht auf: In den Umfragen beider Seiten wächst die Beliebtheit von Chávez weiter und darüber hinaus sagen es die Wahltrrends: Das Potential der Rechten liegt bei etwa vier Millionen Stimmen und damit weit unter den 7,3 Millionen, die Chávez bei seiner Wiederwahl errang.

Der kommende 7. Oktober wird wieder ein historischer Tag in Venezuela werden. Der Tag der Auseinandersetzung zwischen dem einfachen und mutigen Volk von Bolívar, mit Chávez an der Spitze, und der konsumfixierten und pseudo-yankeemäßigen Oligarchie mit Enrique Capriles Radonski am Steuer des „Rückschritt-Busses".

(*) Dokumentarfilm Präsident Volk, Caracas, 2006
 

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