Amelia
Duarte de la Rosa, Sonderkorrespondentin
|

Nur
ein verschwindend kleiner Teil des
gespendeten Geldes ist bei seinen
wahren Adressaten angekommen |
NIEMAND weiß genau, wie viele
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sich
gegenwärtig noch in Haiti aufhalten. Als vor zwei
Jahren das Erdbeben der humanitären Hilfe Tür und
Tor öffnete, war die Nation – bekannt als das Land
der NGOs – bereits ein gefundenes Fressen für den
Katastrophenkapitalismus. Hunderte dieser
Organisationen kamen zu Hilfe, und mit ihnen ihre
vorgeblichen Hilfeleistungen, die, wie man heute
weiß, niemals komplett beim haitianischen Volk
angekommen sind.
Auch wenn kein Zweifel an der wichtigen Rolle
besteht, die viele von ihnen im Gesundheitswesen,
der Bildung und dem Wohnungsbau gespielt haben, -
denn realistisch betrachtet ist in Zeiten der Not
jede Hilfe willkommen – so hat doch die Katastrophe
nur die Abhängigkeit von der internationalen Hilfe
verstärkt. Schlimmer noch, sie stärkte die Präsenz
jener kapitalistischen NGOs, die im Chaos die
Gelegenheit sahen, die Millionen in ihren
persönlichen Schatullen zu vermehren.
Die Welle der Solidarität, die die Welt in
Bewegung brachte, wurde über diese Organisationen
kanalisiert, die auf ihren Websites Telefonnummern
und Bankkonten für Geldüberweisungen platziert
hatten.
Fehlkoordination, mangelnde Kontrolle der Fonds
und Prekarität des haitianischen Staates
ermöglichten eine der höchsten pro Kopf-Konzentrationen
humanitärer Organisationen auf unserem Planeten. Der
Einfluss des Neoliberalismus verwandelte die
Nächstenliebe in ein rentables Geschäft. Unter dem
Banner der Wohltätigkeit ließen sich die NGOs in
Hotels und luxuriösen Häusern nieder, während die
Einwohner von Port-au-Prince weiter in
Flüchtlingslagern hausten und an den Folgen des
Bebens litten.
Allgegenwärtig im gesamten Territorium,
erreichten die NGOs Macht und Berühmtheit. Nach zwei
Jahren sind ihre millionenschweren Beiträge jedoch
nicht direkt mit der Sache der Unterstützung und
humanitären Hilfe verbunden. Man muss sich also
fragen, wie effektiv die Arbeit der NGOs gewesen ist,
denn Haiti hat nur einen Cent eines jeden Dollars
erhalten, die anderen 99 Cent verschwanden in den
Taschen dieser Organisationen.
Ein Artikel der Agentur AP, der in der lokalen
Presse veröffentlicht wurde, deckt auf, dass von den
379 Millionen Dollar, die die Vereinigten Staaten
gaben, 43 Cent pro Dollar in NGOs oder
internationale Organisationen wie „Save the Children"
und das Welternährungsprogramm (WFP) investiert
wurden. Außerdem waren die Hauptnutznießer der Hilfe
aus den USA deren eigene Militärs, die während der
Notsituation ausgesandt worden waren.
Eine Studie der Website Counterpunch berichtet
des Weiteren, dass seit Januar 2010 der Fonds
Clinton-Bush 54 Millionen Dollar gesammelt und mit
einem Betrag von zwei Millionen den Bau eines Hotels
mitfinanziert hat, dessen Kosten sich auf 29
Millionen Dollar belaufen. Eine Reportage, die am
12. Januar 2012 von Courrier International
veröffentlicht wurde, gibt an, dass die US-amerikanischen
NGOs den größten Teil des Geldes erlangt haben, das
für die Hilfe für Haiti angeboten wurde. Glaubhafter
Beweis hierfür ist, dass die hinreichend bekannte
USAID (Behörde der Vereinigten Staaten für
internationale Entwicklung) weniger als 1 % der 412
Millionen Dollar, die für den Wiederaufbau bestimmt
wurden, tatsächlich aufgewandt hat.
Auf der anderen Seite machte die UNO bekannt,
dass von den etwa 2,4 Milliarden Dollar der Fonds
für humanitäre Aktionen mehr als 30 % in die
Geberländer an jene Bürger zurückflossen, die in die
Katastrophenhilfe involviert waren.
So viel Geld unter dem Vorwand der Nächstenliebe,
und nur ein minimaler Teil ist bei seinen wahren
Empfängern angekommen! Und überhaupt, wie viel hat
eigentlich die Regierung Haitis erhalten? Von den
5,3 Milliarden Dollar, die der Regierung des
Präsidenten Michel Martelly versprochen worden waren,
wurden nur 1,2 Milliarden überwiesen. Nicht einmal
der Regierungschef kann Angaben machen, wo jene
Fonds investiert worden sind, die von den NGOs
verwaltet werden, welche vermeintlich am
Wiederaufbau des ärmsten Landes Amerikas arbeiten.
In kürzlichen Erklärungen prangerte Martelly an,
dass viele Mittel der NGOs für den Kauf von Autos
und Luxushäusern benutzt worden sind.
Die gegenwärtige Regierung hatte es sehr
nachdrücklich für notwendig erklärt, die Fonds
selbst entgegennehmen zu können, um sie besser
zuteilen zu können, und für den Fall, dass sie über
die NGOs fließen, darauf bestanden, dass deren
Vertreter sich mit den Behörden zusammensetzen
müssten, um die Prioritäten der Haitianer zu
erfahren.
Die wirkliche Herausforderung besteht in der
Verwaltung der Mittel, die von diesen Organisationen
gesammelt worden sind. Der Fall ist kompliziert und
hat es in sich, aber unmöglich ist seine Lösung
nicht. Bei mehreren Gelegenheiten hat Martelly
erklärt, dass Haiti nichts geschenkt haben will. Im
Kampf für die eigene Souveränität sind
opportunistische Almosen keine Option.