Mireya Castañeda
WENN man von 85 Theateraufführungen innerhalb von
zehn Tagen in der Stadt Havanna spricht, versteht
man, dass dieser Umstand selbst den weniger
gewöhnten Zuschauer mitreißt und in einen gewissen
Rausch versetzt. Einen allerdings willkommenen und
gewollten Rausch.
Das 14. Theater-Festival von Havanna (28. Oktober
bis 6. November) bot ein abwechslungsreiches
Panorama, das sicher jeden Geschmack befriedigen
konnte. Die Säle waren überfüllt, womit die große
Anziehungskraft des alle zwei Jahre stattfindenden
Treffens bestätigt wurde.
Einige Beispiele seien angeführt. Insgesamt
stellten sich über 70 Ensembles vor, kubanische und
Gruppen aus 16 Ländern, mit einer Palette von
Vorschlägen, die von einem Klassiker von
Aristophanes, dargeboten von dem Staatlichen
Theaterensemble der Türkei, bis zu
avantgardistischen Werken reichten.
„Ein Abend mit Harold Pinter" war ein Stück, das
großes Interesse fand und den Saal des Museums für
Schöne Künste füllte. Es umfasste verschiedene
Fragmente von Werken des Literatur-Nobelpreisträgers
2005 und stand unter der Leitung von Andy de la
Tour. Ein zusätzlicher Anreiz war die Anwesenheit
eines der Schauspieler der Filmsaga Harry Potter,
des Briten Roger Lloyd Pack (Bartemius „Barty"
Crouch in „Harry Potter und der Feuerkelch").
Aufführungen des kubanischen Direktors Carlos
Díaz sind immer ein Ereignis. Dieses Mal überraschte
er mit „Wenn du ein Messer zückst, benutze es" (mit
Carlos Caballero und Elizabeth Doud). Er inszenierte
es für das US-amerikanische Ensemble FUNDarte, mit
dem Text von Samuel Beckett („Waiting For Godot", „Not
I", „Endgame" und „Happy Days"), wobei Beleuchtung,
Kostümgestaltung und Bühnenbild eindeutig sein
Kennzeichen tragen.
IM TEMPEL VOM BUENDÍA-THEATER
In dieser strudelnden Fülle behauptet sich nur
eine strenge Auswahl. Die ausgezeichneten
Inszenierungen vieler kubanischer Gruppen, die es in
einem anderen Moment gab, müssen den Neuschöpfungen
weichen. Eine Ausnahme musste „Charenton" sein,
wieder aufgenommen von der erfahrenen Schauspielerin
und Direktorin des Buendía-Theaters, Flora Lauten (Nationaler
Theaterpreis 2005) und der Essayistin und
Dramaturgin Raquel Carrió.
Es war eine Einladung, die man nicht verpassen
durfte, am 28. Oktober im Sitz des Buendía-Theaters,
der Kirche an der Ecke der Straßen Loma und 39, wo
es uns Inszenierungen wie „La Cándida Eréndira"
(1992), „Otra Tempestad" (1997), „La Vida en Rosa"
(1999), „Bacantes" (2001) und im Juni 2005 die
Uraufführung von „Charenton" schenkte, eine Version
von „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats
dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes
zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade",
heute meist kurz „Marat/Sade" genannt, des Deutschen
Peter Weiss (1916-1982).
Carrió bezeichnet sie als „Opera buffa". In zehn
Szenen und einem Epilog bieten Flora Lauten und sie,
mit Kostümgestaltung und Beleuchtung von Carlos
Repilado, ein grandioses Schauspiel nach der Art vom
Buendía-Theater.
„Charenton" ist totale Intensität, visuell und im
Klang, mit relevanten schauspielerischen Leistungen,
darunter denen von Alejandro Alfonzo als Markgraf;
Sandra Lorenzo, Charlotte Corday, und einer
herausragenden Ivanessa Cabrera als Simone, Ehefrau
von Marat, mit ihrer gewaltigen Stimme. Eine Stunde
und vierzig Minuten, um an einer erstklassigen
Inszenierung teilzuhaben.
MEFISTO-THEATER AUS KUBA UND SPANIEN
Im Theater Mella konnte ich den Direktor Tony
Díaz bitten zu erklären, warum im Programm bei „Ehre
geht vor Eifersucht", neben dem Namen seines
Ensembles, des Mefisto-Theaters, der Zusatz Kuba-Spanien
eingefügt ist.
„Es ist mein Ensemble, aber wir haben mit Arte
Promociones Artísticas vereinbart, eine Art Filiale
in Spanien zu bilden. Es ist ein kultureller
Austausch, Mal mit kubanischen, Mal mit spanischen
Schauspielern. Wir begannen mit „Fuenteovejuna" von
Lope de Vega und jetzt wird, unter der Regie von
Liuba Cid „Ehre geht vor Eifersucht" vorgestellt,
das 1636 von Francisco de Rojas Zorrilla (1607-1648)
geschrieben wurde.
Als großer Innovator der Komödie ist Francisco de
Rojas Zorrilla einer der hervorragendsten
Dramaturgen des goldenen spanischen Jahrhunderts.
Seine Komödien haben sich im Verlauf von 400 Jahren
in den Repertoires angesehener Theaterensembles der
Welt gehalten.
Jetzt erreicht diese „Sitten-Komödie", eine Perle
des Humors und der Schalkhaftigkeit, das Festival,
in der Version von Cid (Havanna 1968) und mit einer
außerordentlichen Kostümgestaltung von Tony Díaz
selbst, der Pappe, Papier, Holz und Aluminium
benutzt, um die Figuren zu bekleiden. Indem er bei
der Darstellung ihrer Körper übertreibt, macht er
sie lächerlich.
In der Besetzung, die vollständig aus Kubanern
besteht, gibt es für das Publikum sehr bekannte
Namen: Vladimir Cruz (aus „Erdbeere und Schokolade")
ist Don Juan de Alvarado; Justo Salas spielt Sancho,
seinen Diener; Claudia López ist Doña Inés de Rojas;
Dayana Contreras, Beatriz, ihre Dienerin; Ramón
Ramos spielt Don Fernando, den Vater von Doña Inés;
Yolandita Ruiz, Doña Ana de Alvarado, die Schwester
von Don Juan; Rey Montesinos ist Don Lope de Rojas;
Gabriel Buenaventura spielt Bernardo, seinen Diener,
und Alberto Joya spielt den Hofmusiker.
Das Werk wurde sehr gut aufgenommen, denn es hat
den Stil dieser klassischen Komödie voller
Verwicklungen, während es in der Art der
Inszenierung und Gestaltung moderne Züge aufweist.
„ONE ENCHANTED EVENING"
Das Schauspiel „Broadway Ambassadors", eine
Verarbeitung einiger der bekanntesten Nummern großer
Musicals, hatte seinen Raum im García-Lorca-Saal des
Gran Teatro von Havanna.
Die Aufführung begann mit einer Einführung von
Robert E. Nederlander, Gründer und Präsident von
Nederlander Worldwide Entertainment, eine der
bedeutendsten Kompanien des Broadway-Theatergeschehens.
Er äußerte, es sei für sie eine Ehre, in solch einem
wunderschönen Schauspielhaus aufzutreten und das
Privileg zu haben, Bestes der Kunst ihres Landes,
das Broadway-Musiktheater zu repräsentieren. „Es ist
ein Privileg, bei diesem kulturellen Austausch mit
Kuba mitzuwirken."
Die Bühne war nun bereit für vier hervorragende
Sänger, Luba Mason, Capathia Jenkins, Norman Orell
Lewis und Robert Evan, und den musikalischen Leiter
des Schauspiels, Jeremy Roberts, am Klavier. Sie
wurden begleitet von 15 Instrumentalisten des
Orchesters des Gran Teatro von Havanna.
Und es begann mit „Chicago". Für das Publikum in
dem überfüllten Saal wurde Luba Mason wieder zu
Velma Kelly, mit einem ungroßartigen „All that
jazz", dem gleichen, das sie in Broadway mit der von
Brooke Shields interpretierten Roxy Hart sang. Sie
zeigte und bewies, warum sie so viel Erfolg hat.
Eine außerordentliche Stimme.
Es wurde ein phantastischer Abend, wie Rogers
Hammerstein in dem Song „Some enchanted evening" von
South Pacific, hier interpretiert von Norman Lewis,
ausdrückt.
In den fast zwei Stunden gab es Beifall für
Capathia Jenkins („Somewhere", aus der „West Side
Story" ), Evan („Hello, Dolly") und für jeden
Musicalsong wie „The wizard of Oz", „Aint misbehavin’",
„Phantom of the Opera", „Company", „Rent", „Little
Shop of Horrors", „Man of La Mancha", „Les
Misérables", „Jekyll and Hyde", „Dreamgirls", „Hairspray".
Höhepunkt waren die vier Sänger zusammen in zwei
Themen der Beat-Oper „Hair" und zwei der
bekanntesten Lieder der ganzen Welt, „Aquarius" und
„Let the sun shine in".
IM GEDENKEN AN GADES
Das 14. Theater-Festival, vielfältig und auf
verschiedene Weise anziehend, hatte eine angemessene
Schlussveranstaltung. Das Ensemble des
unvergesslichen Antonio Gades (Elda, 14. November
1936 – Madrid, 20. Juli 2004) stellte sich zum
ersten Mal in Havanna vor und tat es mit „Bluthochzeit",
seiner Meisterchoreografie, die er auch 1978 mit dem
Nationalballett Kubas einstudierte.
Emotion war das vorherrschende Gefühl des Abends.
Man hatte den ausgezeichneten Tänzer im Gedächtnis
vor sich, seine potente Persönlichkeit, seine enorme
szenische Präsenz, seine einzigartigen Drehungen,
die endlos scheinenden Bewegungen von Armen und
Beinen.
Das vor sieben Jahren, nach seinem Tod,
gegründete Ensemble steht unter der künstlerischen
Leitung von Stella Arauzo. Es besteht aus Künstlern,
die Gades kannten, und jungen Tänzern, die sein
Vermächtnis weiterführen.
Die Szene der Hochzeit mit dem Paso doble „Ay, mi
sombrero" und der genialen Form, in der Gades die
Tragödie ausdrückte — geschrieben von Federico
García Lorca —, und der Kampf des Bräutigams und des
Liebhabers, in einer absoluten Stille und wie „in
Zeitlupe", bei dem die Messer blitzen, sind zwei
Momente, die den Zuschauern im Gedächtnis bleiben,
welche den Beifall bis zum Schluss aufzubewahren
verstehen.
Danach kam „Suite Flamenca", sieben Nummern („Soleá",
„Soleá por Bulerías", „Farruca", „Zaateado",
„Tanguillo", „Tangos de Málaga", „Rumba") des
traditionellen Flamencos, aus der Sicht des Meisters.
Solos, Duos und Gruppentänze, die auf der Bühne von
Sängern und Gitarristen begleitet wurden und großen
Beifall erhielten.
Das 14. Theaterfestival von Havanna war eine gute
Gelegenheit zu erfahren, was auf der internationalen
Bühne passiert, und bestätigt zu sehen, dass die
kubanische Auswahl mit Recht von den eingeladenen
Kollegen und vom Publikum gefeiert wurde. Es wurde
eine gerechte Auswahl getroffen, die von dem
Schaffen sowohl für Erwachsene, als auch für Kinder
und Jugendliche zeugt. Während des Zwischenakts am
Abschlussabend schätzte die künstlerische Direktorin
des Events, Bárbara Rivero, für uns ein: „Das
Festival war Fest und Treffen, und wenn Glücklich
machen eine Tugend ist, das Festival hat es erreicht."